Die Mission: Einen Nachfolger für unsere gestandene M-Klasse finden.


180.000km and going. Drei Jahre permanent unter Volllast – drei Jahre permanent am maximalen Zuladungsgewicht. Das fordert seinen Preis: neue Bremsen, neue Reifen, neue Frontscheiben, neue Getriebe. Doch auch im Innenraum macht sich der Dauereinsatz gut bemerkbar. Natürlich reden wir hier vom schwarzen ML 250 BlueTec. 2013 gebaut ist der dickliche Packesel gut rumgekommen: Deutschland, Dänemark, Schweden, Norwegen, Italien, Frankreich, Monaco, Niederlande, Schweiz und Österreich hat unser W166 schon gesehen und dabei trat der Wagen zu Beginn erstmal die weite Reise von Tuscaloosa nach Deutschland an. Tuscaloosa – in der Sprache der Choctow bedeutet das so viel wie „schwarzer Krieger“. Na wenn das mal nicht treffend ist…



Doch die Zeit ruft nach einem neuen schwarzen Krieger – einem neuen allrad-getriebenen Packesel mit dicken Hufen. Es gilt ein Fahrzeug zu finden was der ständigen Belastung durch eine fünfköpfige Familie mit ihren zwei Hunden standhalten kann. Die Kriterien: 5-Sitzer, viel Kofferraum, viel Tank, ein großes, schnelles Navi und möglichst viel Bumm unter der Motorhaube. Grundsätzlich spricht nichts dagegen als logischen Nachfolger den Mercedes-Benz GLE zu bestimmen. Doch natürlich verlockt es zu sehen was sich seit dem letzten Autokauf im Jahr 2013 auf dem Markt für SUVs getan hat. Und natürlich juckt es gerade mich als Autoblogger herauszufinden was da momentan Sache ist. Also wird der Entschluss gefasst: Wir werden testen was das Zeug hält. Nach persönlichen Erfahrungen in der Vergangenheit scheiden die nichtdeutsche Marken prinzipiell aus unserer Auswahl aus. Übrig bleiben der BMW X5 als 25d xDrive, der Q7 von Audi mit dem 3.0 TDI quattro und der Mercedes-Benz GLE mit dem 250d 4Matic unterm Deckel. Bleibt nur noch eine Hürde: Bis Ende 2016 soll die Bestellung raus sein.

 

— Übrig bleiben der BMW X5 als 25d xDrive, der Q7 von Audi mit dem 3.0 TDI quattro und der Mercedes-Benz GLE mit dem 250d 4Matic unterm Deckel. —

 

Doch die Weihnachtszeit ist zum Autokaufen einfach suboptimal. Alle stehen unter enormen Zeitdruck und Stress. Wer hat da schon Zeit Probefahrten anzufragen, geschweige denn Autos dann auch noch Probe zu fahren? Ach ja richtig: Autoblogger. Nur fungiere ich hier gar nicht als Träger der Kaufentscheidung, sondern vielmehr als Berater. Bestellen muss ja mein Vater. Also vereinbaren wir zwei, dass ich mich um Probefahrten mit den relevanten Fahrzeugen bemühe, sodass wir unsere selbstgesetzte Deadline beim Bestellen noch einhalten können.

So weit, so gut! Aber wie gehe ich die Sache jetzt am besten an? Wenn ich mit meinen gerade einmal 20 Jahren Niederlassungen in Berlin anklingele und frage ob ich für einen Tag so einen Familienpanzer ausleihen kann, dann zeigt man mir im besten Fall den Vogel. Vielleicht versuch ich es einfach mal mit der Bloggerkarte. Dann aber nicht nur Mercedes-Benz anschreiben um eine Probefahrt mit einem GLE nachfragen. Jüngst hat doch auch Ruthe für seine Tour über Social Media einen geeigneten Transporter dank des flinken Social Media Teams von Mitsubishi Motors organisieren können. Klar, von seinen 1,2 Millionen Facebookfans kann ich nur träumen aber dafür plane ich ja auch nur einen Nachmittag pro Testfahrt. Einen Versuch ist das Ganze auf jeden Fall wert! Samstagabend geht dann also mein frecher Aufruf auf Facebook online:

Und schüchtern waren sie auch nicht! Auf eine flinke Markierung durch Bjoern Habegger hin meldet sich sogleich eine junge Dame aus Ingolstadt die sich bereit erklärt zu assistieren. Nach einer kurzen Schilderung der Situation verspricht sie sich darum zu kümmern, dass uns kurzfristig ein Q7 mit gewünschter Motorisierung zur Verfügung steht für eine Probefahrt. Auf meine Aussage hin, dass uns Mittwoch passe, Freitag aber auch nicht schlecht sei kommt dann Montagmorgen die Bestätigung: Wir bekommen den Audi einfach von Mittwoch BIS Freitag. In der Zwischenzeit gab auch Mercedes-Benz, genauer gesagt das Social Media Team von MBBerlin Rückmeldung. Auch hier werde man versuchen uns ein Fahrzeug zu stellen, gerne auch mehr als nur den einen Nachmittag. Ob es so kurzfristig ein 250d werde ist aber noch nicht sicher. Angesichts des durch uns aufgebauten Zeitdrucks haben wir hier natürlich vollstes Verständnis. Der BMW X5 fällt kurzerhand weg, da hier alle Bemühungen eine Probefahrt zu vereinbaren ins Leere laufen. Schade eigentlich, ist er doch vom Exterieurdesign her der Favorit unter den dreien.

Audi Q7 3.0 TDI quattro triptronic


Mittwochnachmittag. Es klingelt. Ein junger Mann aus Ingolstadt steht mit einem weißen Q7 vor der Tür. Nach dem Klären der üblichen Formalien setze ich ihn noch schnell an der S-Bahn ab um seinen Heimweg nach Ingolstadt nicht unnötig in die Länge zu ziehen.

Da steht er nun, der Q7: Von außen ein Schiff – von innen ein Schiff. Mit 5,05 Meter ist er mehr als 20cm länger als der 4,81 Meter lange GLE. Bemerkbar macht sich das vor Allem durch die Extraportion Fußraum die man als Passagier auf den Rücksitzen genießen kann. Große Fenster und die in unserem Fall vorhandene große Glasscheibe im Dach sorgen für viel Licht, sodass es im Auto auch fürs Auge sehr geräumig zugeht. Auch der Verzicht auf eine zusätzliche Einstiegsstufe wirkt sehr gelungen. So muss man im abgesenkten Zustand des Fahrzeugs weder klettern noch Angst haben sich den Kopf zu stoßen. Einmal im Offroad-Modus bockt der Bock ordentlich auf und kann binnen kurzer Zeit zum Toben auf den Acker ausgeführt werden.

Die Bedienung ist so clever gelöst, dass selbst jemand wie ich, dessen einzige Audierfahrung aus ein paar freudigen Momenten auf dem Beifahrersitz eines A6 Avant besteht, sich schnell zurechtfindet. Und dank der unnormal schönen Audi Matrix LED Scheinwerfer und dem protzigen S-Line Exterieur weiß der Q7 auch ordentlich Eindruck zu schinden. Viel interessanter ist aber was drin steckt: je nach Wunsch ist das nämlich eine ganze Menge! Bis zu sieben Sitze fasst dieser Brecher. Verständlich, dass die Einstiegsmotorisierung hier der V6 Diesel ist. Wenngleich sich der 2-Liter Diesel in der M-Klasse immer bewähren konnte und wir durchaus auch schon Spitzenwerte von 235kmh bergabwärts erreichen konnten, so ein 3-Liter Diesel der vorne vor sich hin tuckert und auf Kommando ein Wohnzimmer auf Rädern die Autobahnauffahrt hinaufjagen kann ist auch nicht verkehrt. Aber trotz des großzügigen Platzangebots stößt man bereits bei den Kopfstützen in der mittleren Sitzreihe an klare Grenzen. Die keilförmigen Kopfstützen versprechen auf langen Strecken leider wenig Sitzkomfort. Das kennen wir vom W166 anders.



Mercedes-AMG GLE 450 4Matic


Donnerstagmittag gibt es dann (schlechte) Nachricht von MB Berlin. Ein 250d wird vorläufig nicht verfügbar sein. Dafür würde man uns aber gerne mit einem GLE aus dem Hause AMG vertrösten. Wir nehmen dankend an. Das Erproben des neuen Einstiegsdiesels mit 9-Gang Automatik war durchaus als Kernaufgabe für die GLE-Testfahrt gedacht. Im Endeffekt wird sich der Motor aber wahrscheinlich ähnlich präzise und reaktionsschnell wie im bereits gefahrenen GLC 250d verhalten.

Zwei Wochen später bin ich dann mit der S-Bahn zur Niederlassung am Salzufer unterwegs um einen GLE 450 abzuholen. Nach anfänglichen Problemen das Fahrzeug auf dem Gelände ausfindig zu machen, verlasse ich gegen 13:20 nach etwas über einer Stunde die Niederlassung in Richtung Potsdam. Bis auf den obszön lauten Motor kommt mir der Wagen erst einmal sehr vertraut vor, natürlich steht das Navi etwas höher als gewohnt und einzelne Bedienelemente am Sportlenkrad sind neu positioniert, aber davon abgesehen fühlt sich erst einmal alles wie sonst auch an. Da brauch ich auf dem engen Aldi-Parkplatz nicht einmal auf die 360°-Kamera rüber schmulen – den großen hier kann ich mittlerweile auch im Schlaf in jede Lücke hineinrangieren.

Kommen wir doch gleich einmal auf die Sonderausstattungsliste zu sprechen: die ist hier nämlich ähnlich üppig wie zuvor beim Q7. Park-Assistenten, Spurhalte-Assistenten, voll-LED-Beleuchtung, Luftfederung mit Verstell-Möglichkeiten bis zum Umfallen, elektrische Heckklappe und und und. Doch trotz Sportlenkrad, Chromapplikationen an jeder Ecke, den mächtigen Felgen und Fußmatten in AMG Optik fällt mir beim Blick in den Rückspiegel spontan das fehlende Gepäcknetz auf. Im Ernstfall rettet mich das vor herumfliegenden Stativen und Kameras. Stolze 273,70€ Kostet das gute Stück. Eine sinnvolle Investition ist es allemal. Schnell muss ich erkennen, dass mir der pubertär-rotzige Motor nicht nur Freunde verschafft. Bereits im ersten Stau auf der Avus handelt mir der frech pupsende AMG-Sound Stinkefinger von einer Gruppe vollbärtiger mit zweifelhaften Absichten ein. Die finden das offenbar gar nicht witzig, dass ich junger Kerl am Ende der Baustelle mit Getöse voranpresche. Keine Sorge Jungs! Die Dieselvariante wird nicht so einschüchternd sein.

Da die Sonne bereits den langsamen Sinkflug beginnt, entscheiden wir uns den etwas längeren Ausflug am nächsten Tag zu unternehmen und machen deshalb nur eine etwas kleinere Runde mit dem W166. Als es dann plötzlich draußen doch schon pechschwarze Nacht ist, wird der Adaptive Fernlicht Assistent des Intelligent Light Systems mit lässiger Bewegung hinzugeschaltet. Subjektiv macht der Mercedes das sogar noch besser als der Q7 mit den Audi Matrix LED Leuchten und gibt so während der nächtlichen Autobahnfahrt viel Licht in die Randbereiche ab wo sich wahlweise Rehe oder Wildschweine tummeln.

Einer der Kernpunkte am Auto ist für uns aber vor allem der Kofferraum. Dass dieser während einem üblichen Samstagvormittag-Lebensmitteleinkauf an seine Grenzen stößt ist auch bei der M-Klasse keine Seltenheit mehr. Erfreulich ist es deshalb, dass Mercedes bei der Modellpflege des W166 den Transporter-Charakter der M-Klasse beibehält. Die große Kofferraumöffnung, der voluminöse Laderaumunterboden sowie die umfangreichen Befestigungsmöglichkeiten für Zurrgurte machen es möglich auf Bedarf auch Ikea-Regale in Übergröße zu transportieren. Und selbst wenn alle Stricke reißen, gibt es da ja immer noch die Dachreling die definitiv nicht nur Zierde sein soll. Einzig mit der trägen elektrischen Heckklappe werden wir uns wohl nie so recht anfreunden können.



Fazit


Nochmal auf Anfang: Auf der Wunschliste stehen u.a. Allradantrieb, LED-Leuchten, Comand Online bzw. das adäquate MMI Navigation plus, Sitzheizung, elektrisch verstellbare Sitze, ein Telefonie-Paket für die Smartphone-Integration, ein Gepäcknetz für den Kofferraum sowie technische Spielereien wie ein Tempomat, Park-Assistenten etc. Bis auf die Tatsache, dass der Audi immerhin 272 Pferdchen unter der Motorhaube tanzen lässt bei (laut Herstellerangaben) geringerem CO2 Ausstoß als ein GLE 350d, ergeben sich zwischen den beiden Fahrzeugen im Test nur geringe merkliche Unterschiede. Es sind Kleinigkeiten wie die Innenraumbeleuchtung welche für ein gleichmäßiges weißes Licht im geparkten Fahrzeug sorgt, die beim Audi absolut genial umgesetzt wurden. Dieser zeichnet sich vor allem durch seine starke Auslegung auf Komfort aus, während der GLE etwas kantiger gehalten ist und sich dank seiner hohen Praktikabilität vor allem als Packesel eignet. Während beide Technik-Monster sich im Test als überaus fähig bewiesen haben, macht der Mercedes letzten Endes in der Preisverhandlung das Rennen. Der zusätzliche Platz im Q7 und der V6 Dieselmotor sprechen durchaus für den Ingolstädter, rechtfertigen aber in unserem Fall nicht die Preisdifferenz zu einem vergleichbar ausgestattetem GLE. Wir werden jetzt im Konfigurator noch ein bisschen hier und da schrauben und bei einer Tasse Tee die Farbe des Stoffhimmels entscheiden. Und dann – in nicht alzu ferner Zukunft steht ein niegelnagelneuer GLE vor unserer Einfahrt der nur darauf wartet ein wenig artgerechte Haltung zu erfahren…

 

Ich war sehr erfreut zu sehen, dass sowohl Audi als auch Mercedes-Benz so offen auf dieses kleine Social Media Experiment reagiert haben. Vielen Dank für die umfangreiche Unterstützung und vor allem auch den Mut zu dieser Aktion! Es war durch und durch spannend einmal über den eigenen Horizont hinwegspähen zu können um zu sehen was sich sonst so da draußen tut.

Hinweis:

*Beide Testfahrzeuge wurden uns kostenlos zur Verfügung gestellt.

Audi Q7 3.0 TDI quattro

Fahrkomfort

90%

Praktikabilität

55%

technische Spielereien

75%

Motorisierung

75%

Preis-Leistungs-Verhältnis

65%

Mercedes-Benz GLE 250d 4Matic

Fahrkomfort

75%

Praktikabilität

85%

technische Spielereien

65%

Motorisierung

0%

Preis-Leistungs-Verhältnis

90%
Simon Laslo

Author Simon Laslo

I am a Berlin-based 20-year-old photographer and travel enthusiast. Let me show you the world through my viewfinder!

More posts by Simon Laslo